Das neue Projekt Kompass soll Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt bringen

Südkurier vom 10. April 2015

Hinter dem Projekt Kompass stehen (vorne, von links): Hugo Waidelich (Geschäftsführer GWA), Kerstin Axt und Uli Pfeiffer (Geschäftsführer) von der Lebenshilfe Südschwarzwald, (hinten, von links): Reinhold Heil, Landrat Martin Kistler, Bundestagsabgeordneter Thomas Dörflinger und Sozialdezernentin Sabine Schimkat. Bild: ursula freudig 

Menschen mit Behinderung eine Alternative zur Arbeit in Werkstätten anzubieten, ist das Ziel des neuen Projekts Kompass. Es unterstützt und begleitet Menschen mit Behinderung, die im allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß fassen möchten. Anwärter erhalten hierfür ein sogenanntes persönliches Budget. Erarbeitet wurde Kompass von der Lebenshilfe Südschwarzwald in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Waldshut und der GWA (gemeinnützige Gesellschaft zur beruflichen Wiedereingliederung).

 

Die Projektpartner werten das Projekt als Chance für mehr Normalität im Leben von Menschen mit Behinderung. Kompass steht für „Kompetenzzentrum für passgenaue Assistenzangebote beruflicher Teilhabe“. Ansprechpartnerin bei der Lebenshilfe ist Kerstin Axt, die Erfahrungen aus einem ähnlichen Projekt in Saarbrücken mitbringt. „Kompass ermöglicht passgenaues Vorgehen auf den individuellen Menschen“, sagte sie. Ausgehend von den Wünschen und Fähigkeiten der Menschen mit Behinderung, wird nach einem geeigneten Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft gesucht. Kann er gefunden werden, wird der Betreffende für diesen Arbeitsplatz trainiert und dort von sogenannten Joblotsen begleitet.

Von zwei bis drei Jahren Ausbildungszeit geht Uli Pfeiffer, Geschäftsführer der Lebenshilfe, aus. Im optimalen Fall endet Kompass mit einem dauerhaften Arbeitsverhältnis, das dann vom Integrationsdienst weiter begleitet werden würde. Das Projekt hat eine mehrjährige Vorbereitungszeit hinter sich. Mit Hilfe des Bundestagsabgeordneten Thomas Dörflinger (CDU) wurden rechtliche Hindernisse überwunden, damit eine, zunächst auf fünf Jahre begrenzte, Förderung durch Aktion Mensch möglich wurde.

Landrat Martin Kistler nannte Kompass einen ergänzenden Baustein des Teilhabeplans des Landkreises für Menschen mit Behinderung. Nach Aussage von Sozialdezernentin Sabine Schimkat wird es dabei vor allem um Teilzeit- und Nischenarbeitsplätze gehen. „Wir müssen Eltern die Angst nehmen, dass ihr Kind nur in einer Werkstätte gut versorgt ist“, bekräftigte die Sozialdezernentin.

Reinhold Heil vom Landratsamt sagt über das Projekt Kompass: „Es ist ein gutes Beispiel für eine innovative Behindertenpolitik.“

Über die Situation von Menschen mit Behinderung im Landkreis Waldshut spricht Reinhold Heil, Abteilungsleiter Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung beim Landratsamt Waldshut.
Herr Heil, wer genau kann bei Kompass mitmachen?

Der Landkreis unterstützt im Rahmen der Eingliederungshilfe rund 1200 Bürgerinnen und Bürger mit wesentlicher psychischer, geistiger, körperlicher oder mehrfacher Behinderung. Der Teil von ihnen, der die Voraussetzungen zur Aufnahme in eine Behindertenwerkstatt erfüllt und motiviert ist, mit Unterstützung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten, kann das neue Angebot in Anspruch zu nehmen.

Für wen, glauben Sie, wird Kompass besonders interessant sein?

Wir gehen davon aus, dass es besonders Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ansprechen wird. Wir wissen aus Erfahrung, dass sie in der Regel nicht in Werkstätten arbeiten wollen. Im Landkreis leben knapp 350 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

Ist Kompass ein weiterer Baustein einer grundsätzlichen Kehrtwende im Umgang mit Menschen mit Behinderung?

Ja, Kompass ist ein gutes Beispiel für eine innovative Behindertenpolitik. Bis 2005 war der Grundgedanke, dass ein Mensch mit Behinderung nach der Sonderschule automatisch in eine weitere Sondereinrichtung, wie zum Beispiel eine Werkstätte geht. Seit der Verwaltungs- und Strukturreform 2005 in Baden-Württemberg und der 2006 beschlossenen UN-Behindertenrechtskonvention werden Menschen mit Behinderung verstärkt gefördert und unterstützt für ein Leben inmitten unserer Gesellschaft, das heißt auch für die Teilhabe am normalen Schul- und Arbeitsleben.

Ansprechpartner

Informationen zu Kompass erhalten Menschen mit Behinderung, ihre Angehörigen und interessierte Unternehmen von Kerstin Axt bei der Lebenshilfe Südschwarzwald, Grieshaberstraße 4, Waldshut, unter der Telefonnummer 07751/830 22 74 oder per E-Mail: k.axt@lebenshilfe-ssw.de

Zurück